Nahost-Experte Dr. Kamal Sido über die aktuelle Situation und Lösungen des Bürgerkriegs in Syrien

Die Krise in Syrien verstehen

Kamal Sido, Nahost-Referent der sehr angesehenen Menschenrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker aus Göttingen, sprach am 24. November 2016 in der Volkshochschule Lahr über den Syrienkrieg. Im Rahmen der Interkulturellen Tage haben der Interkulturelle Beirat der Stadt Lahr und die VHS den Experten eingeladen. Der Vortrag war gefördert aus Mitteln des Programms Flüchtlingshilfe durch Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft des Landes Baden-Württemberg.

Dr. Kamal Sido, Foto: Dörte Janzen

Dr. Kamal Sido, Foto: Dörte Janzen

Syrien ist eine Gesellschaft mit verschiedenen Volksgruppen und Religionen: Sunniten sind mit knapp zwei Drittel die größte Bevölkerungsgruppe. Alawiten, zu denen auch der autoritär regierende Präsident Assad zählt, stellen 12 %, Kurden und Christen jeweils 10 %. Dazu kommen Drusen mit 3 % und Ismailiten mit 1 %. Dies ist eine Folge des ersten Weltkriegs, als das frühere osmanische Reich ohne Berücksichtigung der dort lebenden Völker aufgeteilt wurde. Die anderen ethnischen und religiösen Gruppen zu akzeptieren, gehörte auch vor dem Bürgerkrieg zu den Hauptforderungen der syrischen Gesellschaft. Mit dem andauernden Bürgerkrieg geht selbst das relativ friedliche Mit- und Nebeneinanderleben für immer verloren.

Kamal Sido beschreibt den IS als sunnitische Terrororganisation mit dem Ziel, ein islamisches Kalifat zu errichten, in dem die Scharia herrschen soll, ein islamisches Recht, das sich auf den Koran und seine Auslegung im Frühislam bezieht. Für den IS in Syrien kämpfen Dschihadisten aus 81 Ländern. Der IS hat die besten Waffen, finanziert wurde er durch Katar, Saudi Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und die Türkei. Vor allem die Türkei hat mit dem IS ein gemeinsames Ziel: gegen Kurden, Jesiden, Christen und Alawiten zu kämpfen.

Als einen schmutzigen Krieg gegen die Bevölkerung bezeichnet der Referent das Handeln von Regierung und Opposition in Syrien. Die Folge: Etwa 8 Millionen Syrer sind auf der Flucht im eigenen Land. Während des schon fünf Jahre währenden Bürgerkriegs haben weitere Staaten in das Kriegshandeln eingegriffen: Russland unterstützt das Assad-Regime, um so seinen militärischen Stützpunkt im Mittelmeer zu halten. Der Zugriff auf Gas- und Energiequellen und Transportwege ist wichtig. Die Türkei verhält sich ambivalent: 1,9 Millionen syrische Flüchtlinge wurden aufgenommen. In Syrien selbst will die Türkei den Erfolg der syrischen Kurden verhindern, um eine Stärkung der Kurden im eigenen Land vorzubeugen. Die Grenze zu Syrien wurde abgeriegelt, der IS wird unterstützt, kurdische Gebiete von der Türkei aus bombardiert. Insgesamt ist der Alltag im kurdischen Norden Syriens relativ sicher, aber von wirtschaftlichen und humanitären Problemen der Zivilbevölkerung geprägt, so gibt es kaum Strom. Die Türkei verhindert Unterstützung aus dem türkischen Kurdistan.

Für Kamal Sido ist eine Lösung des Konfliktes ohne die USA und Russland nicht möglich. Er fordert, dass sich die beiden Weltmächte verständigen müssen. Sonst würden die Volksgruppen in Syrien weiter gegeneinander aufgehetzt und die Mittelmächte Iran und Türkei würden sich mit einer starken Islamisierung durchsetzen.

An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an, auch mit Mitgliedern der aramäischen Gemeinde Lahr. Auf die Frage nach Lösungsansätzen sprach sich der Referent klar für einen Waffenstopp, einen Einreisestopp für Dschihadisten und für lokale Lösungen aus z.B. für die Kurdengebiete. Selbstverwaltung, Glaubensfreiheit und Gleichstellung der Sprache sei erforderlich. Die Föderation von Regionen im gemeinsamen Staat Syrien müsse das Ziel sein. Eine Lösung ohne Assad sei erst mal nicht denkbar. Von Deutschland erwartet Sido, mehr Druck auf die Türkei auszuüben. Europa dürfe nicht akzeptieren, dass die Türkei den Islamismus in Syrien unterstütze.

 Bild und Bericht von Dörte Janzen, VHS

Wirtschaft, Politik und Religion im Nahen und Mittleren Osten – Die Krise in Syrien verstehen

Zu diesem interessanten und kostenfreien Vortrag mit Dr. Kamal Sido laden die Volkshochschule Lahr und der Interkulturelle Beirat Lahr im Rahmen der „Interkulturellen Tage“ am Donnerstag, 24. November um 19:00 Uhr in die Kaiserstraße 41 in  Lahr ein.

Nahostreferent Dr. Kamal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker gewährt einen Einblick in die Geschichte und die aktuelle Situation im Nahen Osten, mit speziellem Blick auf Syrien.

Im Laufe der dortigen Konflikte sind ethnische und religiöse Minderheiten zur Zielscheibe einer radikalisierten, von Islamisten unterwanderten Opposition geworden. Leidtragend ist vor allem die Zivilbevölkerung – schon jetzt sind bereits mehr als 200.000 Menschen getötet worden. Nach fünf Jahren Bürgerkrieg stellt sich die Frage, ob es einen Ausweg aus diesen fürchterlichen Auseinandersetzungen geben wird, und wie er aussehen kann? Dr. Kamal Sido informiert über die aktuelle Lage und die Fluchtbewegungen im Nahen und Mittleren Osten. Der Vortrag ist gefördert aus Mitteln des Programms Flüchtlingshilfe durch Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft des Landes Baden-Württemberg.

So sieht eine Tankstelle im syrisch-kurdsichen Afrin aus - Kamal Sido mit einem Yeziden. Foto: Kamal Sido

So sieht eine Tankstelle im syrisch-kurdsichen Afrin aus – Kamal Sido mit einem Yeziden. Foto: Kamal Sido

Referent Dr. Kamal Sido ist 1961 im syrischen Kurdengebiet geboren. Dort ist er aufgewachsen und besuchte die Schule. 1980 ging er nach Moskau, wo er Geschichte und Orientalistik studierte. 1989 promovierte er am Orientalischen Institut der Akademie der Wissenschaften der UdSSR als Historiker-Orientalist. Seit 1990 lebt er in Deutschland. Sido ist Autor einer Reihe von Veröffentlichungen in Kurdisch, Arabisch, Russisch, Deutsch und Türkisch.
Seit April 2006 ist er hauptberuflich bei der Menschrechtsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) als Referent für die Region Nahost in Göttingen tätig.

Fahrradexkursion auf der Festungsstraße von Straßburg

Während am Wochenende in ganz Deutschland und speziell auch in Lahr die Menschen die deutsche Wiedervereinigung feierten, waren 20 Teilnehmer der Volkshochschule Lahr auf Spurensuche im benachbarten Elsass. Sie gingen der Frage nach, warum die Deutschen einst einen Festungsring rund um Straßburg bauten, um sich gegen das heute befreundete Frankreich zu schützen.
Zu Beginn der Exkursion wurde das Fort Rapp besichtigt, das nördlich von Straßburg am Südrand der Gemeinde Reichstett liegt. Bei einer sehr sachkundigen Führung wurden die Entstehungsgeschichte und die einzelnen Bauelemente erläutert. Im Laufe des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 hatte General August von Werder den Auftrag das bis dahin französische Straßburg einzunehmen. Während der Belagerung vom 15. August bis 28. September 1870 wurde die Innenstadt Straßburgs durch die deutschen Kanonen zerstört, bis die Franzosen unter General Jean-Jacques Uhrich kapitulierten. Als Kriegsgewinn wurde das Elsass dem neu gegründeten Deutschen Reich zugordnet. Der neu ernannte Kaiser Wilhelm I. ließ nicht nur die Altstadt von Straßburg wieder aufbauen, sondern ließ nördlich der Ill die Wilhelminische Neustadt mit großzügigen Plätzen und Prunkbauten im damals üblichen historischen Stil entstehen.
Kaiser Wilhelm I. befürchtete aber, dass die Franzosen irgendwann das Elsass und damit auch die Stadt Straßburg zurückerobern wollten, deshalb errichtet er rund um die Stadt 14 Festungsanlagen, davon drei auf der deutschen Rheinseite. Und zwar in einem wesentlich größeren Abstand zum Stadtkern hin (rund 7,5 km), damit man mit den französischen Kanonen die Stadt nicht erreichen konnte. Den Fehler der Festungsbaumeister des alten Straßburgs wollte er nicht wiederholen.
Im Anschluss an die Besichtigung der Festungsanlage führte Expeditionsleiter Norbert Klein die Fahrradgruppe entlang des seit fünf Jahren eingerichteten und sehr gut ausgeschilderten Radweges „Piste des Forts“ vorbei an den Forts Desaix, Ducrot, Foch und Frére bis zur Festung Kleber bei Wolfisheim und verstand es unterwegs, die Teilnehmer über die Militärgeschichte der damaligen Zeit umfassend zu informieren. Da man auch am Dorf Niederhausbergen vorbeikam, gab es eine Geschichtseinlage aus einer ganz anderen Zeit. Denn hier fand am 08.03.1262 eine grauenvolle Schlacht statt, bei der unzählige Ritter ihr Leben ließen. Die Straßburger Bürger hatten sich gegen Bischof Walter von Geroldseck erhoben, der deren Freiheitsrechts beschnitten hatte. Nach 31 Kilometern, die letzten 30 Minuten entlang des malerischen Rhein-Marne-Kanals, wurde der Ausgangspunkt beim Fort Rapp wieder erreicht.