Nostalgischer Rückblick auf 61 Bahnjahre in Meißenheim

Ein Bericht von Norbert Klein

Veranstaltungen im Jubiläumsjahr erfreuen sich in Meißenheim größter Beliebtheit. So auch beim historischen Beitrag zu „750 Jahre Meißenheim“ von Norbert Klein, Mitglied im Heimat- und Kulturverein im Rieddorf. Der alte Rathaussaal war randvoll besetzt. Mit vielen zeitgenössischen Bildern, gewürzt mit zahlreichen Überlieferungen der Zeitzeugen Dora Stoll, Norbert Huser und Georg Kleis, wurde die interessante Geschichte der Nebenbahn zwischen Seelbach und Kehl beleuchtet.

Die Verbreitung von Eisenbahnlinien nahm nach der Erfindung der legendären Dampflokomotive „Rocket“ im Jahr 1814 durch den englischen Ingenieur George Stephenson einen rasanten Verlauf. Nach der Erprobung der ersten Eisenbahnlinie zwischen Manchester und Liverpool 1830, informierten sich viele deutsche Ingenieure in England über diese technische Neuheit. So auch eine Kommission aus Baden, die auch gleich den Eisenbahntüftler Thomas Turner engagierten, um von ihm ein Konzept für eine Bahnlinie zwischen Mannheim und Basel entwickeln zu lassen. Mit dem Badischen Eisenbahngesetz von 1838 wurde das Projekt dann auch von der großherzoglichen Landesregierung bewilligt. Und nur sieben Jahre später war es soweit: 1845 lief die erste Dampflokomotive im neuen Bahnhof Dinglingen ein.

Obwohl die Lahrer Stadtväter bei ihren Plänen, die Rheintalstrecke durch die Innenstadt von Lahr zu führen, Rückschläge hinnehmen mussten, ließen sie nicht locker und bewirkten 1865 die Konzession einer Stichbahn bis zum heutigen Friedrich-Ebert-Platz. Nach langem bürokratischem Kampf mit der Badischen Regierung wurde dann auch dem Bau einer Nebenbahn von Ottenheim über Lahr nach Seelbach zugestimmt. Hier hatten es die Lahrer Fabrikanten geschafft, bei der Finanzierung die Straßburger-Straßenbahn-Gesellschaft mit ins Boot zu nehmen. Allerding scheiterte der Plan, mit eine Eisenbahnbrücke über den Rhein, einen direkten Anschluss an die bereits bestehende Bahnlinie in Erstein zu erhalten. Am 30. November 1894 konnte das „Bähnle“, wie die Dampflokomotive liebevoll im Volksmund genannt wurde, ihre Jungfernfahrt von Ottenheim nach Seelbach antreten.

Um das Ziel aber weiter zu verfolgen, die Lahrer Industriewaren auch verkehrsgünstiger ins Elsass zu transportieren, lag es auf der Hand, dass vier Jahre später auch eine Konzession für die Anschlussstrecke Ottenheim – Kehl bewirkt wurde. So fuhr im Jahr 1898 der erste Zug auch durch Meißenheim. Stolz wurde auch gleich mit dem Druck von kolorierten Postkarten auf dieses „Jahrhundertereignis“ hingewiesen. Da auch zeitgleich eine Nebenstrecken von Altenheim nach Offenburg eröffnet wurde, hatten die Rieddörfer nun den sensationellen Anschluss gleich an vier Großstädte: Lahr, Offenburg, Kehl und Straßburg.

Leider hatte der Betrieb der Anbindung an Kehl noch den Haken, dass die Züge von Kehl nach Ottenheim vom Partner Straßburger-Straßenbahngesellschaft und die Strecke Ottenheim nach Seelbach von der Lahrer-Straßenbahngesellschaft bedient wurden. „Fernreisende“ mussten in Ottenheim leider umsteigen und Transportgüter mühevoll umgeladen werden. Ein Gemeinschaftsvertrag ermöglichte dann 1901, dass beide Gesellschaften die gesamte Strecke befahren durften. Die 30 cm breiteren Waggons der Straßburger hatten allerdings an den Engstellen der Kaiserstraße Probleme, so dass der Zug ab der Schillerstraße bis zum Urteilsplatz Schrittgeschwindigkeit fahren musste und ein sogenannter „Schienenräumer“ mit einer Glocke, zur Belustigung aller Passanten, vorauslaufen musste.

Nach dem 1. Weltkrieg stieg die Straßburger-Straßenbahngesellschaft aus dem Partnervertrag aus, überließ den Deutschen allerdings zahlreiche Lokomotiven und Waggons, ließ sich jedoch großzügig ausbezahlen. Die neu begründete Weimarer Republik verstaatlichte nun das Bahnwesen, was sich die die Badener jedoch nicht gefallen ließen. 1923 schaffte die Karlsruher Landesregierung das Novum, die Koordination des Eisenbahnverkehrs ins Land zurück zu holen. Das war auch die Geburtsstunde der Mittelbadischen Eisenbahnen AG (MEG), die sogleich 75 % der Lahrer Aktien übernahm.

Obwohl man sich bemühte, 1934 mit der Einführung von Dieseltriebwagen, die den heutigen Straßenbahnen schon sehr ähnlich waren, sich technischen Neuerungenschaften zu öffnen, schuf man sich zeitgleich mit der Einführung von Kraftomnibussen einen ernstzunehmenden Konkurrenten. Die Omnibusse erwiesen sich insbesondere in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, als alle Menschen die neue D-Mark gleich zweimal umdrehen mussten, als günstiger. Abgesehen davon, dass man mit einem Bus auch schneller ans Ziel kam. So begann im Jahr 1952 das „Streckensterben“ als die Linie Lahr – Seelbach geschlossen werden musste. 1959 war es dann auch für die Rieddörfer so weit, der Betrieb der Nebenstrecke nach Kehl wurde ebenfalls eingestellt. In Ottenheim bis Lahr konnte man auf insgesamt 65 Jahre und in Meißenheim auf 61 Jahre Eisenbahnnostalgie zurückblicken. Glücklicherweise gibt es in Meißenheim mit dem immer noch existierenden Bahnhofsgebäude und der Gaststätte „Entenköpfer“ noch einige Erinnerungen an diese deutlichen Verbesserungen der Mobilität der Bevölkerung in den Rieddörfern.

Der Vortrag wurde mit dem Entenköpferlied von Gerd Birsner aus Diersheim eingestimmt. Der Mundartsänger ist ebenfalls ein begeisterter Anhänger der Geschichte der Nebenbahnen im Ortenaukreis.

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